Thomas Reinhold Bild l auf Leinwand Oct 2017 90 x 100cm
 
Thomas Reinhold – Geometrie des Amorphen 
Malerische Werkgruppen seit 2006 
 

Thomas Reinhold, geb.1953 in Wien, setzt sich mit den ureigensten Aspekten der Malerei auseinander. Farbe, Material, Fläche und Komposition rücken im Verlauf einer durchstrukturierten Vorgangsweise von nacheinander ablaufenden Prozessen und Schichtungen in den Mittelpunkt seiner Auseinandersetzung mit dem Bild. 

Auf mitunter grossformatigen Leinwänden werden Ölfarben neben – und teilweise übereinander gesetzt und gezielt zum Verrinnen gebracht. Durch die so entstandenen Schichtungen von durchscheinenden und opaken Farbflächen kommt es zu einer Räumlichkeit im Bild , einem Davor und Dahinter, was zugleich auch eine zeitliche Komponente ins Spiel bringt. Anhand des Darüber und Darunter der verschiedenen Farbflächen wird die Arbeit des Malers, der Entstehungsprozess des Werks und die dabei verstrichene Zeit für den Betrachter nachvollziehbar. Aus der Zeit, die das Schaffen des Bildes für den Künstler in Anspruch nimmt, wird für den Betrachter der Bildraum, anhand dessen die Prozessualität der Malerei sichtbar gemacht wird. Zeit und Raum verschmelzen zu einer Dimension.

Auszug Clara Kaufmann im Sammlungskatalog anlässlich der Eröffnung der Museumserweiterung im Museum Liaunig 2015

"THOMAS REINHOLD: Bemerkungen zu den ausgestellten Werkgruppen"
 

Transport und Kommunikation spricht den Entstehungsprozess an. Die Leinwand wird auf Kisten aufgebockt, die Farbe wird geschüttet und durch Aufheben des Rahmens transportiert. Kommunikation tritt ein, wenn dieser Vorgang wiederholt angewandt zu Überlagerung und Austausch der Farben untereinander führt, und so das Hintereinander der prozessualen Vorgangsweise zum räumlichen Erlebnis für die Betrachter wird.

Stäbchen und Zapfen bezieht sich auf unser Auge. Das vom dioptrischen Apparat entworfene Bild wird von der Netzhaut aufgenommen und in Nervenimpulse umgewandelt, die in verschlüsselter Form dem Gehirn die empfangenen Informationen zuleiten. In der Netzhaut liegen die farbempfindlichen Zapfen und die helldunkel empfindlichen Stäbchen.

Die farbliche Materie der Netze ist sowohl durchlässig, als auch opak, die strukturelle Materie jedoch stets durchlässig, was eine nachvollziehbare Transparenz der Malweise bietet.

Die Beispiele aus der Serie Ariadne bestehen aus jeweils einem Pinselstrich, sowie netzartig strukturierten Überlagerungen. Ariadne, oder die Kunst, wieder herauszufinden, bezieht sich weniger auf eine Ikonographie des angesprochenen Mythos, sondern mehr auf die Fähigkeit des manischen Malers, aus künstlerischen Sackgassen wieder herauszufinden. Dazu können Medienreflexion, Hinterfragung handwerklicher Strategien, sowie auch Veränderung der gegebenen Lebensumstände dienen.

Als Passagen bezeichne ich schon seit 1998 jene Gemälde, deren Thema es ist, von hier nach dort zu gelangen. Bezog ich mich in den früheren Ausprägungen dieser Werkgruppe eher auf die Affinität der passage zur paysage, also auf die Wahrnehmung eines Wandelnden, der durch Fortbewegung die Veränderung der Umgebung mit jener in seinem Innern in Beziehung setzt, so geht es nun eher um das Mittel zum Zweck: Strukturen, die an Leitern und Netze erinnern.

Abstraktion spielt in meiner Malerei keine wirkliche Rolle. Mein Interesse gilt eher der Medienreflexion, dem Strukturellen und Prozessualen, dem Konzept einer Innovation des malerischen Raums, der durch Überlagerung von Schichten wie von alleine wächst. In der Werkgruppe Enchanté geschieht dies folgendermaßen: ich gehe von jenen Targets oder Zielscheiben aus, Ikonen also, welche die Kunstgeschichte sofort der Abstraktion zuordnet: konzentrische Kreise werden mit Kohle angerissen. Die Leinwand wird auf Kisten aufgebockt und ich schütte flüssige Farbe in die Nähe einer dieser skizzierten Linien. Dann schiebe ich die Farbe mit den Händen längs der Innen- oder Außenfläche der Kreisformen und lasse die Farbe abrinnen, indem ich den Rahmen aufhebe. Wenn diese Schüttung getrocknet ist, erneuere ich die Kohlezeichnung der konzentrischen Kreise und schiebe wieder flüssige Farbe längs anderer Segmente der Kreisformen und lasse die Farbe in eine andere Richtung abrinnen. Diese Vorgänge werden wiederholt. Allmählich wird die Ikone der Abstraktion zugunsten einer prozessualen Räumlichkeit dekonstruiert.

In Tektonik der Schwebe formt der Totpunkt die flüssige Farbe. Die malerische Vorgangsweise, die wesentlich aus der Verlagerung des Schwerpunkts besteht, provoziert genau diesen Moment, der die Unbestimmtheit Formen annehmen lässt. Der Zwischenbereich wird der Ort des Interesses, in dem Formen entstehen, die zwischen Rinnsalen aufgehängt scheinen. Kalkül und Zufall sind hier also keine Gegensätze, sondern werden spezifisch eingesetzt, das Prozessuale gewinnt an Bedeutung.

Pendant geht davon aus, dass auf jede Wahrnehmung von Realität unzählige Sinneserinnerungen und Bilder antworten, die aus tatsächlich Erlebtem resultieren. Durch Kontemplation und bewusstes Träumen versuche ich, diese Gratwanderung zwischen bewussten und unbewussten Inferenzen an Material zu erweitern, das unmittelbar und möglichst direkt aus dem Unbewussten zu Bildern wird. Meine Malerei kennt also keine Umsetzung, keine Abstrahierung und versucht, sich direkt in den Gegenstücken meiner Wahrnehmung aufzuhalten und dort ihr Reservoir zu schaffen.

Auch in der Reihe von Gemälden mit dem Titel Bild beziehe ich mich auf das verwobene Netz aus Bild und komplexer Wahrnehmung. Die umgangssprachliche Bezeichnung des Gemäldes als Bild sorgt zwar meist für Verwirrung, dennoch interessiert mich bei dieser Reihe die sich verdichtende Struktur des Malprozesses, die dafür sorgt, etwas Bild werden zu lassen, und dies nicht unbedingt im Sinne eines Abbildes von Gegenständlichem oder Umsetzung von Erlebtem. Angesichts der Ergebnisse fällt mir seit geraumer Zeit auf, dass ich eigentlich an Studien zu einer Geometrie des Amorphen arbeite. 
 
MATRIX, 2017, die Gemälde dieser Reihe bestehen aus übereinandergelegten, einander überschneidenden amorphen Tabellen, die einen pulsierenden Raum erzeugen. Die Farbwahl entspricht einer körperlichen Notwendigkeit, die künstlerische Intention besteht aus der Anordnung, das atmende Bild ist dabei eine Begleiterscheinung. Es rechnet in meinem Innern. Manchmal überprüfe ich das Resultat durch bewusstes Rechnen und komme dann auf dasselbe Ergebnis: genau definierte Orte auf der Leinwand, an denen Farbe Form annehmen soll.