2013 11 PBOX 09 web2000 

Der 1979 in Innsbruck geborene Olivier Hölzl alias LIVIL studierte Malerei an der Universität für angewandte Künste in Wien, wobei er sich seit geraumer Zeit auf das Arbeiten mit Stencils (Schablonen) konzentriert. Die Schablonentechnik stellt für den Künstler die ideale, da auf die Bedürfnisse der gegenwärtigen Gesellschaft wie auch des aktuellen Kunstbetriebs reagierende Arbeitsmethode dar: Spontaneität, Flexibilität, Mobilität sind notwendige Fähigkeiten, um in der natürlichen Selektion überleben zu können. LIVIL ist mit seinen Schablonen im Gepäck schnell und vielseitig, er ist in Lage unmittelbar auf den (Anbringungs-)Ort zu reagieren und die Verwendung englischsprachiger Begriffe ermöglicht ihm, weltweit zu agieren.


Charakteristisch für LIVILs Arbeiten ist die Kombination von Bild und Text, deren immanenten assoziativen Reichtum der Künstler aufs Beste nutzt. Den Bildern – in der Regel sind es Gruppenbilder, in denen der Einzelne im Verbund der Familie, des Unternehmens oder einer andersartigen sozialen Gemeinschaft aufgenommen wird – werden Begriffe und wie der Künstler es nennt „moderne Hieroglyphen“ zugewiesen. Dabei handelt es sich um Form-Fragmente, die aus den verwendeten Schablonen entnommen und vergrößert werden. Die aus diesen drei Komponenten entstehenden Wandarbeiten wecken den Eindruck, auf einer wissenschaftlichen Systematisierung zu basieren. Hier hinterlässt die Biografie Olivier Hölzls seine Spuren, denn der gelernte BWLer wurde für das Studium der „Internationalen Wirtschaftsbeziehungen“ auf analytisches, systematisierendes Denken getrimmt. Allerdings konterkariert die emotionale Bedeutungsdimension, die von den gewählten Begriffen wie auch von den Bildmotiven aufgerufen wird, dieses auf den ersten Blick objektivierende Prinzip.
Es ist die erzeugte Spannung zwischen System und Emotion, die LIVILs Werken nicht nur im Rahmen der Arbeitsmethode, sondern auch auf inhaltlicher Ebene ihre Stärke verleiht.

Das System Familie etwa kommt in den Familienportraits und -wappen zum Ausdruck. Der Künstler sammelt als Vorlagen historische Familienfotos und Dokumente, die er für seine Schablonen einem Abstraktionsprozess unterzieht und ihnen durch die Entindividualisierung ein Stück weit Allgemeingültigkeit verleiht. Wir begegnen stereotypen Bildern von Familienglück, die zugleich die Erwartungen und Normen dieser sozialen Gemeinschaft verkörpern. Dass im System Familie ambivalente, nämlich produktive aber auch repressive Kräfte wirken, verdeutlicht LIVIL mit den gewählten Begriffen: black sheep, maternal love, sweet sixteen, trophy wife, good girl – diese Begrifflichkeiten umfassen negative wie positive Konnotationen. Es sind Schlagworte, die in Verbindung mit den Bildmotiven starke Emotionen auslösen, da sie in der Regel Erinnerungen an eigens durchlebte Ereignisse im Schutzraum der Familie auslösen.

LIVILs Werke visualisieren die allen sozialen Gruppen inhärente Ambivalenz. Da ist einerseits die Sehnsucht Teil einer Gemeinschaft zu sein und andererseits die Erkenntnis, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe das individuelle Verhalten nachhaltig prägt. Gemeinschaften sind identitätsstiftend und müssen deshalb in ihren Wirkungsmechanismen bewusst wahrgenommen werden. Dies zeigt LIVIL auch in jenen Werken, die sich kritisch mit den Bedeutungsfeldern pornografisch-motivierter, wirtschaftlich und militärisch agierender Kollektive auseinandersetzen.

 

Text by Anne Vieth